"Ich gehe Spazieren" - Eric Krzeminski, VONFEUERSTEIN designbüro im Gespräch

"Spezies: Kreative Köpfe" ist eine Serie von Beatrix Junghans-Gläser und Philipp Senge um Kreative im Erzgebirge - insbesondere die Mitglieder unseres Kreativverbundes - vorzustellen. Als erster Kreativer stellt sich ein Mitglied der ersten Stunde aus Schwarzenberg vor: Sieben Fragen an Eric Krzeminski, VONFEUERSTEIN designbüro, UI/UX-Designer, Frontend-Prototyping, TYPO3-Integrator

Eric Krzeminski, VONFEUERSTEIN

Du arbeitest selbstständig. Was schätzt du daran, was nicht?

So lange bin ich noch gar nicht selbstständig, denn bis Ende 2014 war ich als einziger Grafiker bei einer mittelständischen Softwarefirma in Leipzig als Web-Designer angestellt. In mehr als 12 Jahren habe ich dort diverse Kundenprojekte bearbeitet und in einer ausgegründeten Tochterfirma das UI-und Corporate-Design für eine Immobiliensoftware entwickelt. 

Inzwischen liebe ich das eigenverantwortliche Arbeiten sehr. An Tagen, an denen es richtig „brummt“, wo ein Meeting auf das nächste folgt und ich von einem Kunden zum nächsten fahre, bin ich „im Flow“. Doch dann kommen mir auch wieder die ruhigeren Tage gelegen, an denen ich mich im Home-Office in diverse Design-Aufgaben fallen lassen kann. Ich arbeite etwa fifty-fifty zu Hause und bei Kunden vor Ort.

Wenn ich sagen soll, was mir an der Selbstständigkeit nicht gefällt, muss ich sehr lange überlegen – da wäre allerhöchstens der lästige Bürokram für die Steuern und das Fahrtenbuch up to date zu halten.

Im Volksmund heißt selbstständig selbst und ständig. Für viele von uns ist das oft auch so. Wo und wie kommst runter?

Das ist gar nicht so einfach. Entweder bin ich bis abends unterwegs und komme erst zu Hause an, wenn die Kinder schon bettfein sind (was selten vor 20 Uhr der Fall ist). Oder der Arbeitstag geht nahtlos in den Familienbetrieb über, wenn halb 5 die Meute einfällt und an ruhiges Arbeiten nicht mehr zu denken ist. Bei drei Kindern, Haus und Garten steht auch nach der Arbeit noch Einiges auf der To-do-Liste.

In der letzten Zeit habe ich das Joggen und Radfahren als gute Wege zum Abschalten wiederentdeckt. Aber auch beim Meditieren oder Kalligrafieren kann ich wunderbar abtauchen. Oft klingt der Tag aber auch einfach nur mit dem Macbook auf dem Schoß beim Stöbern in News-, Technik- und Design-Blogs aus. 

Von Kreativen wird gern behauptet, sie hätten stets eine Idee in der Schublade. Schön wär’s. Was machst du, wenn dir nichts mehr einfällt?

Diese Antwort fällt mir leicht: ich gehe Spazieren! Wir haben es hier nicht weit bis zum nächsten Wald mit wunderbar inspirierenden Wegen und Aussichten über das schöne Erzgebirge. Ich habe immer das Gefühl, dass je weiter der Blick schweifen kann, umso freier auch die Gedanken sind. Es gibt einige Stellen, an denen ich mich mit meinem Skizzenbuch bei gutem Wetter auch gern länger hinsetze und an Logos und Designs arbeite.

Natürlich ziehe auch ich manchmal den Joker und durchforste das Internet danach, wie andere an die Lösung eines bestimmten Design-Problems herangegangen sind. Doch das wirklich nur im Notfall und eher als eine Art Katalysator für die eigenen grauen Kreativzellen.

Meine Designs beginne ich nach wie vor sehr gern manuell, also ganz einfach mit Stift und Papier. Da fließen bei mir die Ideen besser, als wenn ich auf die weiße Arbeitsfläche im Illustrator starre. Viele meiner Designer-Kollegen beginnen direkt digital zu arbeiten – mir liegt das nicht so. 

Eule oder Lerche – wann und wie beginnt ein typischer Arbeitstag bei Dir?

Von den Genen her eine Eule, der Familiensituation wegen aber eine Lerche. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir in der ersten Firma meist erst gegen zehn Uhr am Rechner saßen. Das ging dann abends auch entsprechend länger, aber wir mussten ja auch nur nahtlos in die Freizeit im Biergarten oder den Balkon übergehen. Heute sitze ich meist schon halb acht mit einer Schüssel Müsli und einem frisch gebrühten Kräutertee am Platz und checke die News-Blogs. Wenn ich auswärts bei Kunden arbeite, sehe ich zu, dass ich dort spätestens um neun starten kann. Gefrühstückt wird dann im Auto. Ich weiß, das ist nicht gesund – aber sage einer Eule mal, dass sie 30 Minuten früher aufstehen soll, nur damit sie zu Hause frühstücken kann!

Man sagt, aller Anfang sei schwer. Ist es bei dir auch so? Und wie sieht es mit dem Aufhören aus? Wann kannst du gut den Punkt setzen?

Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Bei Projekten, die von Null starten, ist das Anfangen in der Tat etwas schwerer. Dann müssen ja die Bausteine erst geschaffen werden, die das Ganze formen. Gleichzeitig braucht man dabei aber schon eine ungefähre Idee von dem, wo die gestalterische Reise hingehen soll. Bei Erweiterungsprojekten sind die Bausteine schon da und es fällt leichter durch Kombinieren, Hinzufügen und Weglassen etwas Neues zu entwickeln. Habe ich die erste Hürde übersprungen, finde ich mich aber auch oft in einem Flow-Zustand und vergesse dann die Zeit. 

Aufzuhören hängt immer etwas von der aktuellen Aufgabe oder der Umgebung ab. Wenn die Aufgaben mal zu dröge sind, oder die Kinder ins Home-Office einfallen, ziehe ich einfach den Schlussstrich und setze bei Bedarf abends auf dem Sofa fort. Meistens versuche ich meinen Tag aber so zu planen, dass ich geregelt in den Feierabend gehen kann.

Der Erzgebirger hält mit dem, was er kann, gern hinter dem Berg. Bei aller Bodenständigkeit – worin liegt die starke Seite der Region? Wie geht‘s weiter?

Ich kenne das Erzgebirge und seine Menschen eigentlich erst seit 5 Jahren genauer. Von Anfang an hat mich aber die Herzlichkeit hier begeistert. 

Der Erzgebirger scheint außerdem von seinem Wesen her ein Macher zu sein. Die unzähligen großen und kleinen Betriebe, egal ob in der Fertigung oder im Handwerk sind für mich ein Beweis dafür, dass die Leute hier nicht stillhalten können, sondern machen müssen. Und wenn die Arbeit in der Firma erledigt ist, geht es im eigenen Grundstück weiter. 

Bemerkenswert finde ich aber auch die Leidenschaft fürs Netzwerken. Egal ob im Kleinen beim Gartenzaungespräch oder im Großen bei diversen Firmennetzwerken – der Erzgebirger ist sehr kommunikativ und interessiert sich für das, was in seinem Mikro- und Makrokosmos vorgeht.

Die Zukunft im Erzgebirge sehe ich sehr positiv, denn hier sind alle möglichen Kompetenzen über die unterschiedlichsten Branchen hinweg verteilt.

Ich wünsche mir natürlich, dass das Erzgebirge in der Welt nicht nur mit Schwibbogen, Räuchermännchen, Bergbautradition und Automobilzulieferbetrieben in Verbindung gebracht wird. Stattdessen wünsche ich mir, dass es darüber hinaus als Standort wahrgenommen wird, der Kreative anzieht. Wo sie ein Arbeitsumfeld für modernes und freies Arbeiten vorfinden und wo auch mal außerhalb der Box gedacht und gehandelt wird.

Aristoteles stellte fest, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist. Was wünschst du dir vom Netzwerk?

Genau das: dass die Summe der Teile als Ganzes funktionieren. Mitte 2017 habe ich mit meiner Kollegin Anne Beuthner-Krauß ein erstes kooperatives Web-Projekt auf die Beine gestellt. Anne hat das maßgeblich vorangetrieben, denn sie wollte zeigen, dass es möglich ist, sich als „Einzelteile“ temporär zu einer kleinen Agentur zusammenzuschließen und gemeinsam ein Projekt umzusetzen. Wir waren begeistert, wie gut das funktioniert hat.

Ich wünsche mir, dass das Netzwerk noch enger zusammenwächst, damit es seine Kompetenzen bündeln und die damit verbundenen Erfolge noch besser nach außen tragen kann. Auch sollte die Zusammenarbeit mit den übrigen kreativen Netzwerken Sachsens intensiviert werden. Die daraus resultierenden Synergien können für das Erzgebirge und dessen Wahrnehmung als Kreativstandort nur von Vorteil sein.



"Spezies: Kreative Köpfe" ist eine Serie von Beatrix Junghans-Gläser und Philipp Senge. Sinn und Zweck der Interviews ist es, Kreative im Erzgebirge - insbesondere die Mitglieder unseres Kreativverbundes - vorzustellen. Du möchtest die oder der Nächste in der Reihe sein? Gerne! Melde Dich einfach bei uns.